Glaubenspraxis im Islam: Hauptgebet

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Hauptgebet

Im Rahmen unseres Projektes „Islam kompakt – Muslim:innen erzählen“ haben wir am 06.10.2023 zum Gesprächsabend über das Thema „Hauptgebet“ mit Frau Nursema Yilmaz eingeladen. In dieser Reihe wurden die fünf Säulen des Islams thematisiert. Diese Veranstaltung war die vierte in dieser Reihe.

Nursema Yilmaz ist Studentin der Visuellen Kommunikation und setzte sich im Rahmen eines Fellowship-Programms für Content Creator mit Migrationshintergrund mit dem Thema des täglichen Hauptgebets auseinander und es entstand eine inspirierende Illustrationsserie, die sie uns an diesem Abend vorgestellt hat. Ihr Projekt versteht sie als Hommage an die fünf täglichen Gebete. Ihre Intention sei gewesen, dieses Thema und ihre Perspektive einerseits den gläubigen Menschen innerhalb der muslimischen Community näherzubringen und andererseits denjenigen einen Einblick zu geben, die mit all dem nicht vertraut sind, jedoch eine gewisse Neugier darüber empfinden.

Bevor Yilmaz mit der Vorstellung ihrer fünf Illustrationen begann, erzählte sie, woher sie ihre Inspiration hat. Grundlage für ihre Arbeit seien die Texte von Said Nursi über das Hauptgebet in seinem Werk „Risale-i Nur“, übersetzt so viel wie „Die Botschaft des Lichts“, gewesen. Said Nursi wurde 1878 in der Osttürkei geboren und starb 1960 im Alter von 82 Jahren. Er war ein kurdischer Gelehrter, der nicht nur die klassischen Wissenschaften der Medrese, sondern auch die modernen Wissenschaften studierte. Aufgrund seiner herausragenden Fähigkeiten und seines umfangreichen Wissens wurde ihm von seinen Lehrern schon in jungen Jahren der Beiname Bediüzzaman („der Einzigartige des Zeitalters“) verliehen. Er wurde zu einem Exegeten und Kommentator des Koran. Die Risal-i-Nur-Reihe besteht aus 14 Bänden, die 130 Abhandlungen umfassen. Das Werk ist ein 6000-seitiger Kommentar zum Koran, der von Said Nursi verfasst wurde.

Nach dieser Einleitung begann die Referentin mit der Erklärung und Beschreibung ihres Konzepts anhand des ersten Plakats:

Betrachtet man die Illustrationen, sieht man oben einen Kreis, der in zwei Teile geteilt ist: die Sonne in der oberen Hälfte steht für den Tag und der Mond in der unteren Hälfte für die Nacht. Die kleinere, gelbe Sonne bewegt sich mit jedem Gebet, da die Zeitspanne der Gebetszeit sich nach der Deklination der Sonne richtet. Weiterhin sieht man in der oberen Hälfte des Plakats Handgesten, die während des Gebets ausgeführt werden. In der unteren Hälfte erkennt man eine Blume. Jedem Gebet wurde eine andere Blume zugeordnet, „weil mich Blumen in Ehrfurcht versetzen. Jedes Mal, wenn ich Blumen sehe, kann ich nicht verstehen, wie etwas so schön sein kann“, sagt Yilmaz. Im Hintergrund sieht man fließendes Wasser. Das symbolisiert die rituelle Waschung (arab. „Wudu“), welches ein wesentlicher Bestandteil der Reinigung vor dem Hauptgebet ist.

Unten sieht man, zentral betrachtet, die arabische Bezeichnung für das jeweilige Hauptgebet. Für das Gebet am Morgen beispielsweise steht dort „fajr“ auf Arabisch. Rechts und links davon erkennt man in kleinem Schriftzug drei Lobpreisungen: Subhanallah (Gepriesen sei Gott), Allahu Akbar (Groß ist nur Gott) und El-Hamdu Lillah (Gelobt und gedankt sei Gott). Dieser Lobpreis, die Verehrung und die Dankbarkeit bilden gemäß Nursi den Kern des Hauptgebets und sind in den Bewegungen dessen manifestiert, weshalb Frau Yilmaz sie auf ihren Illustrationen aufgenommen hat.

Das heißt, mit seinen Worten und Körperbewegungen im Gebet preist der Betende Seine Majestät, ehrt Seine Vollkommenheit und dankt Seiner Schönheit. Das sei der Grund dafür, dass diese drei Dinge immer in den Bewegungen und Anrufungen des Hauptgebets vorkommen. Das ist auch der Grund dafür, dass Muslim:innen diese gesegneten Worte auch nach dem Gebet noch 33 Mal wiederholen: Um den Sinn des Hauptgebetes besonders hervorzuheben und seinen Wert zu erhöhen.

Der Prophet Muhammed (F.s.m.i.) sagte, dass jemand, der das Hauptgebet verrichtet, ein intimes und persönliches Gespräch mit seinem Herrn führt. Deshalb fügte die Künstlerin oben, zwischen den Handgesten, eine Sprechblase, in der das arabische Wort für Gott (Allah) steht.

Auf diese Art sind alle fünf Illustrationen aufgebaut. Im nächsten Schritt erläuterte Frau Yilmaz die Besonderheiten und Eigenarten der jeweiligen Illustrationen und somit auch der jeweiligen Gebetszeiten.

  1. Fajr ist die Zeit der Morgendämmerung und bezeichnet das Morgengebet. Die Zeit für das Morgengebet beginnt mit der Morgendämmerung und geht bis zum Sonnenaufgang. Diese Tageszeit gleicht der Frühlingszeit. Es gibt auch Parallelen zu der Zeit, in der das Kind im Mutterleib ruht, und es ist eine Erinnerung an den ersten der sechs Tage, an dem Gott den Himmel und die Erde erschuf. Auf der Illustration ist eine Frühlingsblume abgebildet. Im Zentrum der Illustration steht auf Arabisch: Gepriesen sei mein Herr, der Erhabene.
  2. Zuhr ist die Bezeichnung für das Mittagsgebet. Es gleicht der Zeit der Sommersonnenwende, der Zeit der reifen Jahre und erinnert an die Zeit der Erschaffung der Menschheit. In der Mittagszeit ist der Mensch oftmals vertieft in seine Arbeit oder in andere weltliche Tätigkeiten. Das Mittagsgebet ist die Zeit, in der sich der Mensch von diesen profanen Tätigkeiten zu einer spirituellen Tätigkeit widmet. Die Handgeste, die auf dieser Illustration gezeichnet ist, ist die Bewegung, mit der man das Hauptgebet beginnt. Die Hände werden auf Kopf- bzw. Schulterhöhe gehoben und die Handinnenflächen zeigen nach vorne. Die Symbolik dieser Bewegung wurde in der Illustration sehr gelungen dargestellt: Hinter den Händen ist eine Erdkugel. Dies bedeutet, dass der Betende trotz dieser Zeit mitten am Tag die ganze Welt hinter sich lässt und sich seinem Schöpfer widmet. Außerdem steht im Zentrum der Illustration: Gepriesen sei mein Herr, der Allerhöchste.
  3. Asr ist das Nachmittagsgebet. Es gleicht dem Spätsommer und der Zeit der späten Jahre.
 Hier steht im Zentrum der Illustration: „Gott hört denjenigen, der Ihn gelobt und dankt.“ Darunter sind Sonnenblumen zu sehen, eine ist schon aufgeblüht, die andere ist noch eine Knospe. Diese Blume richtet sich nach der Sonne, genauso wie die Gebetszeiten im Islam.
  4. Das Maghrib (Abendzeit) ähnelt der Zeit des Spätherbstes und erinnert daran, dass so viele Geschöpfe Abschied nehmen müssen. Diese Zeit und dieses Gebet „erinnert auch an den Tod des Menschen und auch den Untergang der Welt und weckt uns aus einem tiefen Schlaf der Gottvergessenheit.“, sagt Yilmaz. Es ist eine Chrysantheme illustriert, die als die Blume des Todes gilt. Des Weiteren steht im Zentrum der Illustration: „Unser Herr, Dir gebührt aller Lob.“
  5. Isha ist das Nachtgebet und erinnert den Menschen „an die Welt der Dunkelheit, die alle Spuren der Welt des Tages mit einem schwarzen Leichentuch bedeckt – so ähnlich wie der Winter, der die tote Erde mit seinem weißen Leichentuch bedeckt.“ führt Yilmaz aus. Hier habe sie beschlossen, die Blumen wegzulassen und sich auf die Tatsache zu konzentrieren, dass der Tod eine Tatsache ist. Der Tod ist etwas, worüber die Menschen nicht nachdenken wollen, weil es ihnen unangenehm ist. Das Isha-Gebet spreche dies offen an. Passend dazu steht ein Vers aus dem Koran: „Jede Seele wird den Tod kosten.“ (Sure 3:185)

Die Referentin Nursema Yilmaz beendet ihren Vortrag, dem die Zuhörer:innen aufmerksam gefolgt sind, mit der Beschreibung und Erklärung der fünften Illustration.

Ebenso danken wir dem Spandauer Kultur- und Bildungshaus für die Gastfreundschaft. Die Veranstaltung fand in ihren Räumlichkeiten im Rahmen der Muslimischen Kulturwoche statt.

Vielen Dank für das rege Interesse!

Veranstalter

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Referentin

Frau Nursema Yılmaz

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