Das Jahr 1973 hat eine besondere Stellung in der Geschichte der ArbeiterInnenbewegung. Rund 275.000 ArbeiterInnen aus mindestens 335 verschiedenen Betrieben legten für Wochen ihre Arbeit nieder, um gegen schlechte Bezahlung, miserable Arbeitsbedingungen und fehlende Mitsprache zu streiken. Im August 1973 fand bei der Automobilzulieferfirma Pierburg-Neuss ein Streik statt, bei dem sich migrantische und deutsche Frauen solidarisierten, um gegen die sogenannte “Leichtlohngruppe II” (4,70 DM pro Stunde), in der nur Frauen beschäftigt waren, zu protestieren.

Bei dem Automobilzulieferanten Pierburg in Neuss arbeiteten zu diesem Zeitpunkt etwa 3800 Beschäftigte. Rund 70 Prozent der ArbeiterInnen machten die “Gastarbeiterinnen”, d.h. Griechinnen, Italienerinnen, Jugoslawinnen, Spanierinnen und Türkinnen aus. Gemeinsam mit ihren deutschen Kolleginnen legten sie ihre Arbeit nieder, um gegen die sogenannte “Frauen-Leichtlohngruppe” zu protestieren. Ihren Forderung war jedoch nicht nur, die diskriminierende Bezahlung abzuschaffen, sondern sie forderten ebenfalls ein, dass Entlassungen bei häufiger Krankheit zu unterlassen sind; Zahlung einer Schmutzzulage getätigt werden, da keine saubere Arbeitsumgebung gewährleistet werden kann sowie, dass Frauen an den Sondermaschinen ebenfalls wie die Männer in die Lohngruppe 5 übernommen werden, um den gleichen Lohn bei gleicher Arbeit zu bekommen. Des Weiteren forderten sie geschlechterunabhängig für alle ArbeiterInnen eine Mark mehr, was u. A. ein Grund war, weshalb sich auch ihre männlichen Kollegen dem Streik angeschlossen haben. Durch diesen Zusammenschluss und der Solidarität hatten sie Erfolg.
Der Streik dauerte eine ganze Woche und reiht sich in die Liste der vielen weiteren Streiks andere Industriearbeiterinnen und Industriearbeiter ein. So schreibt Peter Birke, dass es „fast zeitgleich […] zu einer Reihe weiterer Streiks von Industriearbeiterinnen gekommen war: Bei AEG in Neumünster, bei den Deutschen Telefonwerken in Rendsburg und anderswo waren sie für gleichen Lohn für gleiche Arbeit eingetreten.“
Bis heute sind die migrantischen Frauen besonders von Prekarisierung betroffen. Sie sind diejenigen, die am meisten Unterdrückung erfahren und gezwungen sind, besonders häufig um ihre Rechte zu kämpfen. Das Beispiel von Pierburg-Streik in Neuss zeigt jedoch: Solidarität und Zusammenhalt sind ein guter Weg, um diskriminierende und unterdrückende Strukturen zu beseitigen und gemeinsam für eine gerechtere Ordnung zu kämpfen.

Buchempfehlung: Braeg, Dieter (Hg.) (2013): Wilder Streik. Das ist Revolution. Der Streik der Arbeiterinnen bei Pierburg in Neuss 1973. Berlin.

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