Das islamische Theologieverständnis der Musliminnen und Muslimen im Forum Dialog

Das islamische Theologieverständnis der Musliminnen und Muslimen im Forum Dialog

Der Islam versteht sich als die letzte Offenbarungsreligion, welche mit dem ersten Menschen und Gesandten Gottes, mit Adam anfing, mit weiteren Gottesgesandten wie Noah, Abraham, Moses, und Jesus fortgesetzt und schließlich mit Muhammed abgeschlossen wurde. Gottes Segen und Frieden sei mit all Seinen Gesandten und Propheten. So versteht sich der Islam in derselben Tradition mit dem Judentum und Christentum. In allen drei Religionen wird aus islamischer Sicht an denselben Gott geglaubt, lediglich die Wahrnehmung bzw. das Verständnis von Gott und die dementsprechende gottesdienstliche Praxis unterscheiden sich.

Versteht man die Theologie als ein Konglomerat der grundlegendsten Wissenschaftsdisziplinen des Islams (als eine Symbiose der spekulativen Theologie, Normenlehre, Textwissenschaften sowie der Mystik), können die zentralen theologischen Auffassungen der im Forum Dialog mitwirkenden Musliminnen und Muslime folgendermaßen beschrieben werden:

Das im Forum Dialog vertretene islamische Theologieverständnis versteht sich als koran- und prophetenorientiert und setzt an dem Islamverständnis der Prophetengefährtinnen und -gefährten an. Das Wirken vor allem der rechtgeleiteten und rechtleitenden Nachfolger des ehrenwerten Propheten werden als besonders wichtig erachtet.

Die älteste und zugleich aufgeschlossenste theologische Tradition, die sich in der islamischen Historie herausbildete, war die sogenannte kufaische Schule, deren Angehörige man als Leute der Vernunft (ehl ar-raʾy) bezeichnete. Das islamische Theologieverständnis der Musliminnen und Muslime im Forum Dialog schließt an dieser Tradition an, als deren Denkväter ʿAlī ibn Ebī Ṭālib und ʿAbdullāh ibn Mesʿūd (7. Jh.) gezählt werden. Es pflegt somit die Lehr- und Auslegungstradition dieser Schule – vor allem in besonderer Anlehnung an die Gelehrten Imam Ebū Ḥanīfe (8. Jh.) im Irak und Imam el-Māturīdī (10. Jh.) in Transoxanien. Die Lehren unter anderem von Mewlānā Ǧelāl ed-Dīn Rūmī und Yunus Emre, Hauptvertreter des anatolischen Humanismus, werden als wegweisend verstanden. Für ein zeitgemäßes Islamverständnis lassen wir, die muslimischen Theologinnen und Theologen des Forum Dialog, uns außerdem von den Lehren des kurdisch-anatolischen Lehrmeisters Bediuzzaman Said Nursi (20. Jh.) sowie des türkischen Exilgelehrten M. Fethullah Gülen Hodschaeffendi inspirieren. Diese Namen stehen für gegenwarts- und lösungsorientierte theologische Ansätze zu gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit und bringen Tradition und Innovation bzw. Progressivität in Einklang. Sowohl die aktualitätsbezogenen theologischen Positionen dieser Denker als auch ihr interreligiöses Wirken sind wegweisend vor allem für die islamspezifischen und interreligiösen Tätigkeiten im Forum Dialog. In dieser Tradition liegend verstehen wir den Islam als eine zivile Religion, die mit den universellen Werten der Menschheit vereinbar ist und eine progressive Haltung zur Bewahrung der Schöpfung impliziert.

In einer Überlieferung beschreibt sich der ehrenwerte Prophet Muhammed – Friede und Segen seien auf ihm – als Fürbittender für alle Gläubigen vor Gott. In Anlehnung an diesen Hadith hoffen wir auf ein ewiges jenseitiges Glück auch für Gottgläubige im Judentum und im Christentum sowie für Angehörige anderer Weltanschauungen und Religionen. Das Paradies kann nicht pauschal für Musliminnen und Muslime reserviert werden. Der Glaube ist individuell und das Urteil über denselben liegt lediglich im Kompetenzbereich Gottes. Theologisch werden daher menschliche Urteile über das ewige Heil für überheblich verstanden und einzig Gott überlassen. Der Glaube (īmān) und Gottesdienste (ʿibādāt) markieren die Beziehung zwischen Gott und den Individuen. Eine Beurteilung dieser Verhältnisse von außen ist anmaßend und würde die Intimität und Privatheit dieser Beziehungen verletzen. Daher setzen wir uns vordergründig zum Ziel, einen Beitrag im Bereich der zwischenmenschlichen, alltäglichen Beziehungen zu leisten. Auf dieser Ebene zählt primär das ethisch-moralische Handeln in der Gesellschaft. „Menschen sind entweder Geschwister im Glauben oder Geschwister in der Menschlichkeit.“ Inspiriert von diesem Zitat von Imam ʿAlī, pflegen wir eine besondere Geschwisterlichkeit im abrahamitischen Glauben und öffnen uns allen Menschen gleichberechtigt auf der Grundlage der Menschlichkeit. Daher können auch Angehörige anderer Religionen und Weltanschauungen im Forum Dialog arbeiten, sich engagieren und Mitglied werden. Auch in islamischen Themen werden ihre Beiträge als inspirierend wertgeschätzt.

īmān bedeutet den eigenen Glauben dermaßen zu hinterfragen, dass eine Sicherheit im Glauben entsteht. Folglich gehört ein gesunder Wahrheitsanspruch, welcher die Ansprüche Anderer nicht beurteilt, zur ehrlichen Religiosität der Individuen.

Die islamische Spiritualität, d. h. ein Leben auf der Ebene des Herzens und des Geistes zu führen, gehört zu den Grundsäulen unseres Theologieverständnisses. Sie wird in unserem Verständnis von festen Ordensstrukturen befreit und kann ohne eine obligatorische Begleitung eines spirituellen Meisters individuell von allen Menschen mit und ohne Bindung an den Islam gelebt werden. Die Reflexionen über die eigene absolute Machtlosigkeit (ʿaǧz) in Anbetracht der Allmacht Gottes, die eigene absolute Armut (faqr) in Anbetracht des Reichtums Gottes, die absolute Dankbarkeit (šukr) an Gott, die absolute Begeisterung (šawq) für und Sehnsucht zu Gott, umfassende Barmherzigkeit (šefqa) und Kontemplation (tefekkur) sind dabei die Hauptprinzipien dieses von Ort und Person unabhängigen mystischen Weges.

Eine islamische Theologie im interreligiösen Kontext kann außerdem nur dann existieren, wenn ein Miteinander mit Menschen anderer Religionen oder Weltanschauungen respektvoll und auf Augenhöhe stattfinden kann und die Treue des Gegenübers zur eigenen Religion zugelassen wird. Zugleich ist die Wertschätzung der eigenen Tradition und die Bereitschaft für den gemeinsamen Diskurs mit anderen Religionen und Weltanschauungen unabdingbar, um die eigene Tradition adäquat zu verstehen. Folglich sind die Islam-Theologinnen und -Theologen des Forum Dialog gefordert über die eigenen religiösen Grenzen hinaus zu lernen, die Gemeinsamkeiten zu stärken, die Unterschiede anzuerkennen, d. h. nicht als ein Problem zu verstehen, und an einem religiös unvermischten respektvollen Miteinander zu arbeiten. Daher gehört das Forum Dialog als muslimischer Partner zu den Gründungsinstitutionen des House of One in Berlin – ein Haus, in dem eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee um einen gemeinsamen vierten Raum gebaut wird.

Die zentralen Ziele unseres Islamverständnisses sind es, den Glauben an Gott (īmān biʾllāh) zu stärken, Gotteserkenntnis (maʿrifetullāh) zu fördern, die Liebe zu Gott (muḥabbetullāh) erlebbar zu machen, Gottes Wohlwollen (riḍwānullāh) zu erlangen und der Gottesbewunderung (mušāhadetullāh) im Paradies zuteil zu werden. Das spirituelle Ziel ist das persönliche Erreichen des menschlichen Ideals (el-insān el-kāmil) auf allen Ebenen des Lebens.

Zu unseren gesellschaftlichen Zielen gehören wiederum die Förderung und Umsetzung universeller Werte wie Respekt gegenüber anderen Menschen, Ehrfurcht vor dem Leben, das Achten der Menschenwürde, die Gleichberechtigung, die Meinungs- und Glaubensfreiheit, das Bekenntnis zur Demokratie und Vielfalt und der nachhaltige bzw. bewusste Umgang mit der Natur. Es werden Bildungs- und Aufklärungsarbeiten geleistet, unter anderem um Radikalisierung unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen präventiv vorzubeugen und somit extremistischem Gedankengut, Antisemitismus und jeglicher Form von menschenverachtender Ideologie sowohl intellektuell als auch emotional zu entgegnen.

Berlin, den 23.04.2021

Imam Kadir Sanci
Forum Dialog e.V.

Newsletter

Newsletter

Geben Sie Ihre E-Mail-Adresse ein und erhalten Sie Neuigkeiten in Ihrem Posteingang